Judith Ziemer war von Dezember 2007 bis März 2008 in Perth (Australien), wo sie ihre dreimonatige Wahlstation absolviert hat. In Perth arbeitete die 28-jährige Rechtreferendarin in einer australischen Law Firm. Warum Judith ihre Wahlstation ins Ausland verlagert hat und welche Aufgaben ihr in der Law Firm übertragen wurden, erzählt die Berlinerin im Interview.
Das Rechtsreferendariat folgt dem ersten juristischen Staatsexamen und ist der praktische Ausbildungsteil nach dem Studium. Dieses Rechtsreferendariat dauert zwei Jahre und ist in verschiedene Stationen unterteilt. Der Ablauf variiert von Bundesland zu Bundesland.
Ich komme aus Berlin, wo das Referendariat drei Monate beim Zivilgericht, drei Monate bei der Staatsanwaltschaft, drei Monate in der Verwaltung, neun Monate beim Rechtsanwalt und schließlich eine drei- oder viermonatige Wahlstation umfasst. Zwischen Anwaltsstation und Wahlstation fallen die Klausuren des zweiten juristischen Staatsexamens.
Die Wahlstation kann man, wie der Name schon sagt, frei wählen und bei den unterschiedlichsten Einrichtungen absolvieren: beim Gericht, in einer Behörde, in einer Anwaltskanzlei, einer Firma oder einer internationalen Organisation.
Ich hatte mich schon vor Beginn des Referendariats entschlossen, die Wahlstation in Australien zu absolvieren. Kurz zuvor ging nämlich mein Kindheitstraum in Erfüllung: Ich verbrachte meinen Urlaub in Down Under. Mich hat es schon immer dorthin gezogen und nachdem es schon nicht mit einem High School Jahr oder einem Auslandssemester geklappt hatte, war die Wahlstation einfach eine optimale und wohl letzte Möglichkeit.
Außerdem kam für mich nur das englischsprachige Ausland in Frage, weil mein Französisch bei weitem nicht gut genug ist. Großbritannien und die USA haben mich aber absolut nicht gereizt. Kanada und Neuseeland sind zwar interessant, aber Australien war bei weitem meine erste Wahl.
Die Wahlstation muss nicht im Ausland absolviert werden. Es ist aber eine gute und beliebte Möglichkeit Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Von manch einem wird der Auslandsaufenthalt auch als willkommene Auszeit vom Referendariat verstanden. Fast wie ein Urlaub.
Genau, ich arbeite in einer überregionalen Law Firm, was in Deutschland mit einer Anwaltssozietät zu vergleichen ist. Diese Law Firm hat Büros in den fünf größeren Städten Australiens und deckt fast alle Rechtsgebiete ab. Mein direkter Vorgesetzter (Ausbilder) war ein Anwalt, der wohl ausschließlich Versicherungsrechtsfälle bearbeitet. Dementsprechend hatte ich überwiegend mit Fällen zu tun, in denen wir eine Versicherung in personal-injury-Fällen vertreten, sei es gegen Schadensersatzklagen aus einem Verkehrsunfall oder Arbeitsunfall.
In diesem Zusammenhang wurden mir verschiedene Aufgaben übertragen, anhand derer ich den Ablauf des Verfahrens und das australische Haftungsrecht kennen lernen konnte. Dazu gehörte das Abfassen von Schriftsätzen und Zusammenfassungen ebenso wie die Erstellung der zumindest in Australien und den USA üblichen Discovery, der Beweismittel. Ich durfte den Anwalt zu Gericht begleiten und bei Telefonkonferenzen beiwohnen. Die Firma hat mir sogar die Teilnahme an einem Seminar zu Pre-Trial-Conferences und Mediation bezahlt.
Es hat sich als gar nicht so einfach erwiesen, sich zu bewerben und dabei in englischer Sprache zu erklären, was ein deutscher Referendar eigentlich ist.
Zunächst musste ich natürlich erst einmal mögliche Praktikumsstellen in Australien finden.
Es gibt eine deutsch-australische Juristenvereinigung und eine deutsch-australisch-pazifische Juristenvereinigung, die einem mit Adressen weiterhelfen können. Darüber hinaus habe ich dann im Internet nach Anwälten und Law Firms in Australien gesucht. Interessante Arbeitgeber habe ich dann zunächst formlos per E-Mail angeschrieben, ihnen mein Anliegen erklärt und das Nachreichen meiner Bewerbungsunterlagen angeboten.
Dadurch wollte ich zunächst sehen, ob grundsätzliches Interesse seitens der Arbeitgeber besteht. Recht wichtig fand ich es, gleich anfangs mitzuteilen, dass ich nicht unbedingt bezahlt werden muss, da ich ja mein deutsches Referendarsgehalt weiter erhalte.
Bei meiner Internetrecherche bin ich auch auf einen deutschen Anwalt gestoßen, der in einer Law Firm in Sydney arbeitet. Auf mein Anschreiben hat er dann auch geantwortet, dass es zwar keinen Platz mehr im Sydney Office gebe, er mir jedoch eine Stelle wahlweise in Melbourne oder Perth vermitteln könnte. In Melbourne würde auch jemand im Büro Deutsch sprechen.
Mich hat jedoch die Stadt Perth viel mehr als Melbourne interessiert, so dass ich mich für den härteren Weg entschieden habe.
Der Anwalt wollte dann noch meinen Lebenslauf sehen und hat meine Englischkenntnisse in einem kurzen Telefonat getestet. Und damit hatte ich dann die Stelle. Ich habe dann noch Kontakt zu meinem Ausbilder in Perth aufgenommen, um wichtige Details abzusprechen. Da das Büro in Perth bisher noch nie einen deutschen Referendar hatte, waren sie dementsprechend neugierig.
Meine Stelle in Australien war nicht vergütet, aber ich bekomme ja weiterhin mein Referendarsgehalt aus Deutschland. Das reicht nur knapp, umso empfehlenswerter ist es, sich im Vorfeld etwas für den Auslandsaufenthalt anzusparen.
Die Arbeitsphilosophie der Australier ist schon um einiges lockerer als in Deutschland. Es herrscht eine typisch australisch, ungezwungene Atmosphäre. Trotzdem sollte der lockere Anstrich und das Fehlen von offenem Druck nicht insofern missverstanden werden, dass durchaus Leistung erwartet wird.
Üblicherweise reden sich alle mit dem Vornamen an; den Chef eingeschlossen.
Die Kleiderordnung ist für Bürojobs recht streng, so dass man hier in der Law Firm durchaus einen Business Dress Code einzuhalten hat, was beispielsweise für Männer Anzug und Hemd bedeutet. Jedoch wissen die Australier auch hier eine lässige Umsetzung, indem Krawatte und Jackett solange am Haken im Büro hängen bleiben bis ein Termin ansteht.
Recht verbreitet ist der Casual Friday, wonach am Freitag alle mit Freizeitkleidung wie Jeans und T-Shirt ins Büro kommen, sofern nicht gerade ein Gerichtstermin oder ein sonstiges Meeting ansteht. Ebenso beliebt sind die Friday Drinks: Alle Mitarbeiter setzen sich am Freitag zum Feierabend zusammen und trinken Wein oder Bier und unterhalten sich zwanglos.
Ich habe in Perth nichts Examenrelevantes und auch nur wenig, was ich in der deutschen Rechtstätigkeit gebrauchen kann, gelernt. Das liegt vor allem an den unterschiedlichen Rechtssystemen, weil Australien dem britischen Vorbild des Common Law folgt. Dennoch hatte ich durch meine Wahlstation die Möglichkeit meinen Horizont zu erweitern.
Die Anwälte haben mir im Laufe meiner Station unterschiedliche Aufgaben gegeben, anhand derer ich einen Einblick in den Verfahrensablauf und auch die rechtlichen Gesichtspunkte der behandelten Rechtsgebiete bekommen habe.
Darüber hinaus hat mir die Law Firm die Teilnahme an einem halbtägigen Seminar ermöglicht und bezahlt, welches auch meine australischen Kollegen besucht haben. Insofern kann ich mich eigentlich nicht beklagen.
Die sprachlichen Barrieren waren am Anfang schon ein Hemmnis. Obwohl ich dachte, dass mein Englisch nicht allzu schlecht, wenn auch ein wenig aus der Übung ist, merkte ich schnell, dass ich an Grenzen gestoßen bin. Das liegt auch an dem äußerst ungewöhnlichem Dialekt der Australier. In den drei Monaten meines Australien-Aufenthalts hat sich mein Englisch dann aber stark verbessert.
Wenn auch meine größte Sorge den möglichen Sprachproblemen im Job galt, hat sich dieses Problem als gering herausgestellt, da ich den sprachlichen Anforderungen im Job relativ schnell entsprechen konnte. Dabei hat mir nicht zuletzt auch ein Fachwörterbuch Recht geholfen, dessen Anschaffung ich für einen Auslandsaufenthalt durchaus weiterempfehlen würde.
Ich nahm mir bewusst nicht viel außerplanmäßige Freizeit, sondern arbeitete während der regulären Bürozeiten. Von meiner Law Firm wurde mir angeboten, frei zu nehmen, wenn ich verreisen oder etwas unternehmen möchte.
Allerdings ist der Australian Way of Life auch nach der Arbeit stark freizeitorientiert. Es ist weit verbreitet, nach der Arbeit Essen oder auf ein Bierchen ins Pub zu gehen. Es wird auch viel Sport getrieben - wegen der Hitze oft erst recht spät am Abend.
Ich habe vieles in meiner Freizeit unternommen: Spaziergänge, Strandbesuche, Sightseeing, Shoppen, Pub-, Kino- und Konzertbesuche. Da meine Mitbewohnerin Australierin war, hatte ich auch viele Gelegenheiten, zu Partys, Barbecues und sogar zu Spielen des Football Australian Rules mitzugehen.
In und um Perth gibt es viele Ausflugsmöglichkeiten, von denen ich die meisten auch genutzt habe und beispielsweise in der nahe gelegenen Weinregion Swan Valley sowie in Mandurah war.
Ich hatte mich schon von Deutschland aus über die verschiedenen Online-Dienste für share-accommodation nach einer Unterkunft umgesehen, weil ich eine WG als optimale Lösung für drei Monate empfand.
Im Vorfeld hatte ich mir überlegt, wie viel Miete ich bezahlen kann. Wobei ich mit heutiger Erfahrung sagen kann, dass die Lebenshaltungskosten in Australien doch etwas höher als in Deutschland sind. Daneben habe ich anhand einer Online-Karte versucht herauszufinden, welche Vororte von Perth am günstigsten liegen, da ich kein Auto zur Verfügung haben würde.
Ich habe Anzeigen studiert und viele Leute kontaktiert, mich nach dem Angebot sowie der Lage erkundigt. Allerdings merkte ich bald, dass die Suche drei Monate im Voraus nicht erfolgreich werden konnte, da die Australier im Allgemeinen etwas kurzfristiger zu planen. Letztlich hatte ich zwei Wochen vor meinem Abflug endlich eine feste Zusage und daneben noch einige andere Angebote.
Meine Entscheidung hatte sich als richtig herausgestellt, da ich dann in toller Lage bei einer jungen Australierin wohnte, mit der ich mich schnell angefreundet hatte.
Ich hätte mir im Anschluss an das Praktikum Urlaub nehmen können, jedoch habe ich im April noch eine Lehrveranstaltung in Vorbereitung auf die mündliche Examensprüfung, die ich wahrnehmen möchte.
Zudem habe ich neben Perth und der Westküste Australiens, die Ostküste bereits in einem früheren Urlaub kennen gelernt.
Zu Besuch werde ich immer wieder nach Australien kommen, insbesondere nach Perth, zumal ich hier in der kurzen Zeit gute Freunde gefunden habe, die ich unbedingt wieder sehen möchte.
Ich könnte es mir auch vorstellen, in Australien zu leben, da ich es ja jetzt getestet habe. Allerdings ist Jura nicht das optimale Fach für Auswanderungspläne. Soweit ich mich inzwischen informiert habe, wird der deutsche Abschluss hier nicht einfach anerkannt, dass man hier als Anwalt arbeiten kann.
Von Julia von der Heyden, März 2008