Jobs in Australien - Arbeiten Down Under

Erfahrungsberichte/

Als Au-pair in Narrabeen: Von Kakerlaken, einer Beach-Community und dem Rauschen des Pazifiks

Judith Stahn war von April bis September 2004 als Au-pair in Narrabeen, einem kleinen Ort nördlich von Sydney. Über ihre gesammelten Eindrücke und Erfahrungen spricht sie im Interview.

Au-Pair in Australien

Sich nach dem Abitur ins Studium stürzen – das kam für dich nicht in Frage. Du warst als Au-pair in Australien. Warum hast du dich für diesen Auslandsaufenthalt entschieden?

Ich habe die Zeit zwischen meinem Abitur und dem Beginn meines Studiums genutzt, um auf eigenen Beinen die Welt zu erkunden. Der deutschen Mentalität entsprechend, hatte ich aber Bedenken, in die Ungewissheit aufzubrechen – deshalb kam ein Work and Travel Trip für mich nicht in Frage.
Ich wollte lieber eine gewohnte Umgebung und Bezugspersonen um mich haben. Außerdem spiele ich auch gerne den Alleinunterhalter für Kinder, und so dachte ich, dass ein Job als Au-pair genau die richtige Lösung wäre.

Warum fiel deine Wahl auf Australien?

Australien war für mich damals endlos weit weg. Ein abgeschotteter Kontinent mit einer atemberaubenden Tierwelt, die man nirgendwo sonst auf der Welt findet. Meine Vorstellung von Down Under? Freilebende Koalas und Kängurus, warme Temperaturen im australischen Winter, das Meer im besten Fall direkt vor der Haustür und Städte die ihresgleichen suchen.
Die englische Sprache beherrschte ich nach dreizehn Schuljahren auch mehr oder weniger – also hieß es: Nichts wie los, eine neue Welt zu entdecken!

Wie bist du bei der Suche nach einer geeigneten Au-pair-Stelle vorgegangen?

Zuerst habe ich mir von verschiedenen Organisationen Infomaterialien zuschicken lassen, um deren Angebote zu vergleichen. Leider hat keine Stelle einen Aufenthalt angeboten, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Ich wollte einfach nur sechs Monate als Au-pair arbeiten, ohne einen Sprachkurs belegen zu müssen. Außerdem waren alle Angebote sehr teuer.

Ich habe mich dann an den Computer gesetzt und verschiedene Au-pair-Familien-Vermittlungsseiten gefunden (greataupair.com, eaupair.com, aupair-world.net), bei denen ich ein Profil angelegt habe. Dort konnte ich Familien suchen, die meinen Vorstellungen entsprachen; die Familien konnten über diese Seiten auch direkt mit mir in Kontakt treten.
Nach einiger Zeit habe ich dann meine Gastfamilie gefunden. Ich habe dann mit der Familie und ihrem ehemaligen Au-pair telefoniert und schließlich alles abgesprochen.

Welche Angaben gehören denn in ein Profil einer solchen Vermittlungsseite im Internet?

Au-Pair in Narrabeen

Das hängt natürlich ganz von der Seite ab. Man muss sich auf jeden Fall anmelden, um die detaillierten Profile mit den verschiedenen Informationen sehen zu können. Zu den Angaben gehörte zum Beispiel, ob man einen Führerschein hat, mit Säuglingen oder behinderten Kindern, bei Alleinerziehenden oder in einer Familie arbeiten möchte. Natürlich musste ich angeben, wann und wo ich den Aufenthalt antreten wollte, welche Sprachen ich beherrsche, ob ich rauche oder Vegetarier bin. Und man muss seine Erfahrungen mit Kindern bestätigen.
Man soll dann alle möglichen Referenzen nachweisen und eine "Dear Host Family" Nachricht schreiben.

Wie hilfreich war es schließlich, dass du vorab mit dem Au-pair, das zuletzt in der Familie war, Kontakt hattest?

Wir haben uns nur ein paar Mal E-Mails geschrieben. Ich wollte natürlich nähere Informationen über den Umgang in der Familie und den dortigen Tagesablauf haben. Sie hat mir einige Antworten gegeben, aber im Nachhinein muss ich sagen, dass sie mir einige problematische Informationen vorenthalten hat. Also hat es mir im Prinzip nicht so viel genützt. Trotzdem war es schön, zumindest schon einmal mit Teilen der Familie in Kontakt getreten zu sein und sie etwas kennenzulernen.

Was war dein erster Eindruck, als du in Australien angekommen bist?

Ich war nach dem Flug geschafft und platt. Am Flughafen wurde ich sehr herzlich von meiner Gastmutter empfangen und ich war froh, dass sie tatsächlich da war. Wir kannten uns ja nur über E-Mails; ich hatte nicht einmal ein Foto.

Es war sehr warm als ich ankam. Es gab Palmen und alles war so gar nicht deutsch. Die Leute waren freundlich, haben mir mitten ins Gesicht gelächelt und waren sehr locker. Ich hatte gar keine Zeit, müde zu sein.
Wir sind dann erstmal in die Stadt gefahren, weil meine Gastmutter noch etwas zu erledigen hatte. Die plötzliche Umstellung auf die englische Sprache und den Linksverkehr war eine Herausforderung.
Als wir in die Wohnung kamen, bemerkte ich einen gewissen Unterschied in den Lebensverhältnissen – verglichen mit dem, wie ich es aus Deutschland kannte. Es war ein kleines Häuschen direkt am Strand. Ich bin jeden Abend beim Rauschen der Wellen des Pazifiks eingeschlafen!
Ansonsten war es aber dunkel, dreckig, alt und nicht sehr gepflegt. Besonders die Kakerlaken haben mich fertig gemacht, als sie lustig durch die Wohnung flitzten. Die sind dort aber ganz normal und kein Zeichen mangelnder Hygiene. Meine kleine Beach-Community war sehr relaxt und „laid back“ – Prädikate, die ich dem Prototyp eines Australiers zuordnen würde, eben so gar nicht deutsch!

Was gehörte alles zu deinen Aufgaben als Au-pair?

Die Familie hatte zwei Jungen im Alter von fünf und drei Jahren. Der Ältere ging zur Schule und der Kleine war zwei Tage pro Woche im Kindergarten.
Ich musste sie montags bis freitags betreuen, und manchmal abends am Wochenende. Morgens waren sie meist schon wach, wenn ich aufstand, und sahen fern. Ich machte ihnen Frühstück (Obst, später dann Toast oder Wheatbix, ein australisches Müsliadäquat) und war damit beschäftigt, sie zu animieren, dies auch zu essen.
Anschließend versuchte ich sie dazu zu bringen, sich anzuziehen, und half dabei meist nach. Dann mussten noch Schulbrote geschmiert, die Zähne geputzt und Sonnencreme aufgetragen werden; danach ging es mit beiden zur Schule. Der Große fuhr auf seinem kleinen Fahrrad, den Kleinen musste ich im Kinderwagen, teilweise joggend, hinterher schieben.
An den Tagen, an denen der Kleine nicht im Kindergarten war, habe ich ihn beschäftigt: Spielplätze, Ausflüge in den Zoo von Sydney, Spielen am Strand, Erkundungsgänge durch Wald und Flur. Um drei Uhr holten wir dann den Großen von der Schule ab und machten uns über Umwege auf den Heimweg. Bis circa sechs Uhr spielte ich noch mit ihnen, bevor ich sie baden sollte (was beaufsichtigt wurde). Dann machte ich das Abendessen, holte sie aus der Dusche, steckte sie in ihre Schlafanzüge und servierte das Essen. Danach übernahmen meist die Eltern.

Das alles war schon anstrengend, zumal die Jungen oft nicht das machen wollten, was sie sollten, so dass jede Menge Nerven und guter Wille von Nöten waren. Es war trotzdem eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Was kannst du uns denn noch vom australischen Familienleben erzählen?

Aufenthalt im Outback

Das Leben in Australien beginnt nicht so früh am Morgen wie hier in Deutschland. Schule und Arbeit starten normalerweise nicht vor neun Uhr. Man sollte nie ohne Sonnencreme und Mütze aus dem Haus gehen, vor allem bei Kindern ist das ganz wichtig. Bei den meisten Australiern bemerkt man eine grundlegende Gelassenheit; sie sind völlig stressfrei und relaxt.
Die Leute sind sehr viel draußen an der frischen Luft und sitzen nur selten in der Wohnung vor dem Fernseher oder dem Computer – dafür ist ja auch das Wetter viel zu schön!
Der Strand lädt zum Surfen und Schwimmen ein, man joggt oder geht spazieren, fährt Fahrrad oder wandert. Die Australier sind schon sehr aktiv, was aber wohl auch auf die Umgebung zurückzuführen ist.

Die Menschen sind, im Vergleich zu den Deutschen, weniger verbissen. Sie sind so freundlich und viel lockerer im Umgang miteinander.

Was hast du in deiner freien Zeit gemacht?

Ich war meistens mit meiner Schulfreundin oder einem Au-pair, das ich dort kennengelernt habe, unterwegs. An verlängerten Wochenenden haben wir Trips in die nähere Umgebung unternommen, in die Blue Mountains und nach Canberra zum Beispiel.
In den einwöchigen Schulferien hatte ich dann auch frei und bin nach Melbourne gefahren. Sonst waren wir oft in Sydney, haben die Lord of the Rings Symphony in der Oper gesehen, einen Bridge Climb auf die Harbour Bridge gemacht, sind durch den Botanischen Garten spaziert oder waren shoppen.
In der Nähe von Narrabeen war auch ein riesiges, fast dschungelartiges Waldgebiet, das wir erforscht haben. Ansonsten waren wir beim Picknick, im Kino oder Schwimmen. Wir waren definitiv viel unterwegs.

Mit wem hast du denn immer etwas unternommen? Hast du auch viele Backpacker getroffen?

Eine Freundin aus der Schule war am Anfang meines Aufenthaltes ein paar Dörfer weiter auch als Au-pair tätig. Sie war aber nur drei Monate dort. Außerdem hab ich ein weiteres Au-pair (auch eine Deutsche) kennengelernt, mit deren Schützling mein jüngerer Rabauke im Kindergarten war.
Wir haben uns super verstanden und waren immer zusammen unterwegs – vor allem am Wochenende, wenn wir frei hatten.
Einheimische haben wir dann zusammen kennengelernt, wenn wir in der Dorfkneipe oder in Sydney unterwegs waren. So richtig enge Kontakte sind aber nicht zustande gekommen.

Backpacker haben sich eigentlich nicht in unser Dorf verirrt. Als ich eine Woche in Melbourne in einem Hostel gewohnt habe, lernte ich dann schon einige Backpacker kennen, zu denen ich teilweise auch heute noch Kontakt habe. Die gemeinsamen Erlebnisse auf diesem wahnsinnigen Kontinent verbinden einfach!

Wie viel hat dein Aufenthalt in Australien letztendlich gekostet? Hattest du auch Einnahmen durch die Arbeit als Au-pair?

Dadurch, dass ich keine Agenturkosten zu begleichen hatte, habe ich einige Kosten gespart. Für Flug und Visum habe ich insgesamt circa 1100 Euro gezahlt. Durch meine Arbeit habe ich 100 AUD (rund 63 Euro) pro Woche verdient. Verglichen mit anderen Au-pairs war das ziemlich wenig.
Dafür hatte ich aber mein eigenes kleines Zimmerchen und wurde verpflegt. Durch eine vierwöchige Reise am Ende meines Aufenthaltes sind noch einmal Kosten in Höhe von circa 2000 Euro entstanden, die ich allerdings nicht selbst tragen musste, da meine Eltern mich in Australien abgeholt haben und wir diese Reise zusammen unternommen haben.
Alle anderen Unternehmungen während meines Aufenthaltes konnte ich mit meinem Wochenverdienst finanzieren.

Du bist also nach deiner Au-pair-Zeit noch durch das Land gereist?

Au-pair-Aufenthalt in Sydney

Nach meiner anstrengenden Au-pair-Zeit habe ich noch diese dreiwöchige Tour mit meinen Eltern gemacht. Die Route begann mit ein paar Tagen in Sydney und Umgebung, dann ging es in zehn Tagen die ganze Ostküste bis Cairns hoch (mit dem Mietwagen). Wir haben dann einen Abstecher auf Fraser Island gemacht, ohne allerdings Dingos zu sehen. In Brisbane blieben wir auch etwas länger. Ansonsten war die Zeit knapp bemessen und es blieb leider nicht viel Zeit, über die Stippvisiten an Sehenswürdigkeiten hinaus, zu verweilen. Dennoch: Die Tour war der Wahnsinn.

In Cairns gingen wir dann an Bord eines netten Bootes; wir waren für drei Tage auf See, um im Great Barrier Reef zu tauchen.
Von Cairns flogen wir nach Alice Springs ins Herz Australiens, wo wir eine fünftägige Tour durch das Outback gemacht haben, um den Ayers Rock etc. zu sehen. Dann ging es über Cairns wieder zurück nach Sydney.
Von der Westküste habe ich leider überhaupt gar nichts gesehen – da muss ich wohl auch einiges verpasst haben!

Rückblickend, was hat dir dieser Aufenthalt persönlich gebracht?

Es war eine tolle Zeit. Sie hat jede Menge Erfahrungen mit sich gebracht und mich sehr selbständig gemacht. Für mich war es sehr wichtig, mal ganz allein etwas durchzustehen – weit weg von daheim.
Meine Erwartungen diesbezüglich wurden weit übertroffen – die Herausforderung war größer, als ich es mir je erträumt hätte, denn es war doch sehr chaotisch in meiner Gastfamilie und ich wurde von allen Teilen der Familie ziemlich beansprucht. Das war manchmal wirklich hart und ich wollte mehrmals das Handtuch werfen.
Im Nachhinein bin ich durch diese Situation gewachsen – und wenn es nur dazu diente zu lernen, wie ich meine Familie später einmal nicht führen möchte.

Abgesehen von meiner Familie war Australien der Hammer. Auch hier wurden meine Erwartungen übertroffen. Das Land ist scheinbar grenzenlos, alles scheint möglich. Die Freundlichkeit, Ausgeglichenheit und die Leichtigkeit, mit der sie jeden Tag aufs Neue strahlend beginnen, steckt an und macht Lust auf mehr. Ist das wirklich nur die Sonne?
It's all an experience – ein schönes Motto, mit dem man sehr gut durch das Leben schreiten kann. Auch schlechte Erfahrungen sind gut und wichtig, um durch sie zu wachsen und zu lernen. Auch das wurde mir in Australien klar.

Willst du noch einmal nach Australien?

Sofort und immer wieder. Es gibt so viel, was ich noch nicht gesehen habe. Tasmanien, den Westen mit Perth, den Norden. Eigentlich habe ich doch nur einen winzigen Teil des Landes kennengelernt. Und nach Neuseeland habe ich es dabei auch noch nicht geschafft, obwohl es doch nur einen Katzensprung von Australien entfernt ist.
Australien ist ein Lebensgefühl. Eine Erfahrung, die ich jedem nur wünschen kann und nie mehr missen möchte.

Danke für dieses ausführliche und interessante Interview!

Von Julia von der Heyden, August 2007



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